Weltumsegler – Verlassen wir unsere Kinder? – Eltern gegen Kinder Teil 2

Wie reagieren Eltern auf einen längeren Auslandsaufenthalt?

Kennt Ihr schon Work & Travel in Japan?

 

Ankunft in Salvador nach 22 Tagen auf SeeEines Tages, ich bügelte gerade, kam mein Mann nach der Arbeit zu mir in mein Arbeitszimmer. Ich glaube er zog an seiner Pfeife und meinte: „Ich bin gefragt worden, ob ich bereit bin ein bis drei Jahre nach Salvador da Bahia in Brasilien zu gehen und dort das Werk aufzubauen.“

 

Wie reagiert die knapp 17jährige Tochter auf die Ankündigung der Eltern, die nächsten Jahre in Brasilien verbringen zu wollen? Wie die Zwillinge, damals noch nicht 15? Ohne das Einverständnis der Mädchen wollte ich nicht weg – als Kleinkinder waren sie mit uns ein Jahr in England, die Ältere knabberte noch Jahre später an der Entwurzelung, die sie mit zweieinhalb Jahren erfahren hatte. Sie hatte auch sofort Tränen in den Augen: „Was ist mit meiner Schule?“ Die Höhere Handelsschule gibt es nur in Deutschland – wie überhaupt das deutsche Schulsystem absolut nicht kompatibel mit Auslandsaufenthalten ist.

 

So war sofort klar – Sie würde in Deutschland bleiben, in unserem Haus, die Schule beenden und dann nachkommen.

 

Die Zwillinge waren sofort begeistert. Damit hatte mein Mann dann ein Problem: Jetzt musste er zusagen 😉 Die Reaktion von Freunden und Familie war gespalten: Paare ohne Kinder hielten es für komplett verantwortungslos eine knapp 17jährige allein zurückzulassen, die mit Kindern waren völlig entspannt. „Das schafft die schon, ist ja alt genug!“

Letztlich dauerte es dann fast ein ganzes Jahr bis alles in die Wege geleitet war und wir in eines unserer größten Abenteuer übersiedelten. Der Abschied war eindrucksvoll. Und nicht ganz einfach. Alle Freunde unserer Töchter umarmten uns mit dunklen Sonnenbrillen. Sie waren immer für die Große da – bis heute. Immer noch verbindet diese Gruppe um unserer Töchter eine wunderbare Freundschaft. Gemeinsam haben sie mittlerweile nicht nur Schönes, sondern auch sehr schwierige Zeiten durchgestanden. Sie sind einfach großartig!

 

Strand SalvadorWas soll ich euch sagen: Wir liebten und lieben Brasilien und Salvador! Die ersten Wochen lebten wir im Hotel und setzten alle unsere Energie ein, mit der doch unvertrauten Kultur zurecht zu kommen. Die Zwillinge gingen in die amerikanische Schule, die Ältere besuchte uns so oft wie möglich. In den Strand, der 10 Minuten von unserem Haus entfernt lag, verliebten wir uns sofort. Bis heute ist Salvador für uns alle ein ganz besonderes Reiseziel – oder auch eine Sehnsucht, die immer in unseren Herzen wohnt. Irgendwo in mir rufen die Trommeln, rauscht leise das Meer und unsere Herzen sehen sich nach Abenteuer und Herausforderungen.

So treibt es uns seitdem immer wieder hinaus in die Welt. Jahre später gingen wir ebenfalls beruflich für 5 Jahre nach St. Petersburg. Damals blieben alle drei zu Hause zurück, um ihre Schule und Ausbildung zu beenden – die gefeierten Partys sind legendär in ihrem Freundeskreis. Haus und Nachbarn haben sie übrigens unbeschadet überstanden.

 

Auch jetzt sind wir wieder unterwegs: Diesmal mit einem Segelschiff, soweit wir eben kommen.

 

Hausstrand SalvadorWen wundert es – zurzeit sind wir in Brasilien. Die Mädchen, heute junge Frauen, teilweise verheiratet und schon selbst Mutter, unterstützen uns dabei in jeglicher Hinsicht: Sie hüten Haus, Hund und Katze, gießen die Blumen und bezahlen unsere Rechnungen – natürlich von unserem Konto. Sie wissen, unsere Reise gibt ihnen die Freiheit, ihre Träume zu leben, oder selbst für einige Zeit ins Ausland zu gehen.

Was nicht heißt, dass sie uns nicht vermissen. Oder dass sie keine Angst um uns haben. Unterwegs senden wir automatisierte Standortmeldungen über Satellit an unsere Website – die Panik ist groß, wenn das mal nicht klappt. Sobald wir wieder Handyempfang haben, geht eine SMS raus. Kaum liegt das Schiff sicher, mache ich mich auf die Suche nach gutem Internetempfang für Skype und WhatsApp. Das brauche ich allerdings mehr – wenn ich fünf Tage lang mit keiner der Dreien reden konnte, werde ich unruhig.

 

Im Stadtteil NoVermelho wohnten wir sechs Wochen im HotelAls wir Ende 2000 nach Brasilien gingen, steckte das Internet noch in den Anfängen. Kontakt nach Hause hielten wir hauptsächlich über Email und – teuer – übers Telefon. Das war in Russland eigentlich genauso, wobei wir etwa jeden zweiten Tag mit einer der Dreien oder auch mit allen telefonierten. Herausfordernde Ereignisse gab es viele: Portugiesisch lernen, denn Englisch oder Spanisch wird in Brasilien immer noch kaum gesprochen, der unglaubliche Verkehr in Salvador, später auch in Russland, der Anblick bettelnder Kinder. Heute sind es die drei W’s – Wind, Wetter, Wellen – die gemeistert werden wollen. Wirklich gefährliche Situationen gab es aber nie, auch keine negativen Erlebnisse. Dafür unzählige wunderbare…

 

Die größte Gefahr ist immer und überall, daheim und in der Fremde. Die Teilnahme am Straßenverkehr, egal ob als Fußgänger, Radfahrer, im Bus oder Auto.

 

Wir hatten bei unseren drei Auslandsaufenthalten in England, Brasilien und Russland das Glück, dass wir vom Arbeitgeber meines Mannes entsandt wurden. Dabei war die Bezahlung immer gut, ja so gut, dass unsere derzeitige Segelreise auf einer angenehmen finanziellen Basis steht. Unabhängig davon bereichert diese Erfahrung das Leben ungemein. Im besten Falle beginnst du dich selbst zu hinterfragen. Dinge, die zu Hause so und nicht anderes gemacht werden in Frage zu stellen, und deine eigene Kultur zu reflektieren. Das erweitert deinen Handlungsspielraum, macht selbstbewusst, weckt Verständnis für andere und trägt so letztendlich zu einem harmonischeren Miteinander auf dieser Erde bei.

Deshalb ja – wenn du kannst, geh ins Ausland! Arbeite dort, reise, lebe mit den Einheimischen – egal wie alt du bist! Auch wenn alle um dich herum dich für völlig bekloppt halten – sobald du unterwegs bist, merkst du dass die Art zu leben und zu reisen die du gewählt hast, für hunderte Andere völlig normal ist.

 

Die Welt ist voller Wunder – heb sie auf!

 

Sagt: Steffi, Ü50, drei erwachsene Töchter nach drei Auslandsaufenthalten. Seit zwei Jahren ist sie und ihr Mann Tomy, Ü60, mit einem Segelschiff auf einem langen Törn von Europa nach Brasilien und in die Karibik unterwegs. Wie es weitergeht entscheidet die Sehnsucht nach der Familie und nach Abenteuern, mal ist die eine größer, mal die andere. Auf www.sy-yemanja.de bloggt sie über die Reise, immer mit dem Ziel zu unterhalten, zu inspirieren und anderen Mut zu machen, das heimische Sofa hinter sich zu lassen.

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